Fotografien: Historisches Museum Hannover (Ulrich Pucknat, Jekaterina Kredovica, Detlef Jürges)

DETAILS

Ein Projekt von gwf-ausstellungen, Hamburg

unter weiterer Mitarbeit von Matthies Weber & Schnegg (Grafik und Medien)

Kategorie: Sonderausstellung

Auftraggeberin: Historisches Museum Hannover

Eröffnung: Juli 2022

Planungsbeginn: Dezember 2021

Meine Mitarbeit in den folgenden Bereichen:

-  Ausstellungskonzept + Entwurf

-  Detailentwurf + Abwicklungen

-  Unterstützung bei Reinzeichnung + Sondergrafiken

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VON GOLDENEN KUTSCHEN UND

KOLONIALER VERGANGENHEIT

Von 1714 bis 1837 waren Hannover und Groß-Britannien in einer Personalunion verbunden. Durch strengere Trohnfolgeregeln in der britischen Monarchie, um die protestantische Linie zu wahren, fiel im Jahr 1714 über Ecken das Erbe auf Georg I und so bestieg der ​Kurfürst von Hannover den britischen Thron. Drei weitere Könige sollten folgen.

Viel Prunk und Reichtung ist aus dieser Zeit geblieben - allem voran eine goldene Kutsche, mit der Georg III einmalig durch Hannover fuhr. Diese Gegenstände stehen für den globalen "Erfolg" und die Vormachtsstellung, die Groß-Britannien inne hatte. Wenig bekannt ist dagegen von den Verstrickungen, die sich hinter der goldenen Kulisse zugetragen haben: Die Macht Groß-Britannien basierte auf Krieg und Ausbeutung, Sklaverei und Kolonialismus. Inwiefern war Hannover damit verbunden und hat im Zweifeslfall sogar davon profitiert? Mit diesen Hintergründen und Fragen beschäftigt sich erstmals die Sonderausstellung in der Kutschenhalle des Historischen Museum Hannover.

Auch gestalterisch sollten kritische Fragen aufgeworden werden: Was erfahren wir, wenn wir die schicken Ölgemälde der Königsfamilie mal abhängen? Was steht dahinter? Und wer verdient eigentlich unsere Aufmerksamkeit? Was ist eigentlich im Schiffsinneren passiert, während der großen Handelsfahrten Groß-Britanniens? Welche Güter kamen am Ende in Hannover an? Und was ist davon heute noch zu spüren? 

So haben wir für diese Ausstellung die Ölgemälde und die goldene Kutsche verpackt - an Bildmaterial sind großenteils schwarz-weiße Stiche und Landkarten zu sehen. In der Raummitte haben wir ein großes aber zurückhaltendes Schiff inszeniert - die Inhalte sollen nicht in einer reinen Kulisse verschwinden - und ermöglichen hier in einer konzentrierten, ernsthaften Atmosphäre die bekannte Geschichte der Eroberung (im Außenbereich) zu verlassen und die kolonialen Mechanismen dahinter zu verstehen, aber auch den Protest der betroffenen Menschen zu begleiten. Zwischendrin warnen immer wieder auffällige Aufkleber vor rassistischen oder aneignenden Darstellungen, die auf historischem Material schwer auszublenden sind. Von der Galerie aus schaut die schicke Gesellschaft von Hannover von ihren Teekränzchen herab und die Besucher:innen können sich von dort aus ein Gesamtbild der historischen Situation machen. Und immer wieder drängt die Frage, welcher Schatten eigentlich auf die heutige Zeit geworfen wird. Welche Statuen sollten getürzt werden? Welche kolonialen Erinnerungen und Mechanismen existieren nachwievor?
Mit diesen Themen endet die Ausstellung und sie motivieren ebenso die laute, knallige Gestaltung der Beteiligungstafeln und vieler grafischer Raumdetails: Auf das Erbe muss aufmerksam gemacht werden. Die Ausstellungsgestaltung bedient sich sonst einer temporären Verpackungs-Optik - vor allem, weil Transport (von gegenständlicher und menschlicher Ware) das bestimmende Motiv des Rundgangs ist und weil wir uns mitten in einem wandelbaren und bewegungsvollen Diskurs befinden. Wer spricht? Was muss sich noch verändern? Wie können Museen dazu beitragen?